wolfmartens

Am Rande des Denk- und Darstellbaren

Aus Naturmaterialien und industriellen Versatzstücken kombiniert der Hamburger Künstler Wolf Martens paradoxe Objekte, die in einem zeitlosen Schwebezustand zwischen Natur und Künstlichkeit zu verharren scheinen. Seine gezielte Veränderung und Verfremdung alltäglicher Gegenstände durch Pilze, Flechten, elektronische oder mechanische Bauteile bewirkt eine Befreiung der Wahrnehmung von Gewohntem und Normiertem; Phantasie und Intellekt des Betrachters werden durch die sowohl funktionalen als auch inhaltlichen Umdeutungen in höchstem Maße herausgefordert.

So verweist etwa die Arbeit “Motor” (2007), die aus einem echten Nashornkäfer besteht, der mit einem Aufziehrädchen versehen wurde, nicht allein auf die mechanische Art der Fortbewegung von Insekt und Apparat: Sie regt den Rezipienten darüber hinaus dazu an, die Implikationen dieser Analogie selbst zu hinterfragen.

Neben derartig kontrollierten Eingriffen kommt aber auch dem Zufallsprinzip in vielen Arbeiten eine wichtige gestalterische Rolle zu. Denn nicht selten bildet gefundenes, durch Witterungseinflüsse deformiertes oder zerstörtes Material den Ausgangspunkt eines Objektes. Dabei wird der Transformationsprozess des Verfalls meist auf ironische Weise in einen neuen Kontext überführt, indem etwa ein halb kompostiertes Telefonbuch auf einem Sockel unter einer Plexiglashaube als archäologisches Fundstück inszeniert wird (“Relikt”, 2011). Ähnlich irritierend ist es, wenn sich ein amorphes Gebilde, in dessen höhlenartigem, durch ein Glühlämpchen schwach beleuchtetem Inneren pilzartige Flechten wie Stalagmiten aus dem Boden wachsen, erst auf den dritten Blick als verschimmelter Kaffeefilter entpuppt (“Höhle”, 2006).

Sieht man genauer hin, dann erkennt man in den Arbeiten des Hamburger Künstlers zahlreiche Details, die philosophische Fragen herausfordern: Was unterscheidet Tierpräparat und Maschine eigentlich voneinander, wenn man sie sammelt und gemeinsam ausstellt? Revitalisiert ein echter, jedoch scheinbar aufziehbarer Käfer kultisch-rituelle Zusammenhänge, in denen Tiere noch beseelt waren? Und wer bin ich, der ich das alles zu durchschauen und zu überblicken glaube?

Das Spiel mit den Größenverhältnissen zwischen Betrachter und Miniatur zwingt uns zur genauen Selbstbetrachtung. Es eröffnet den Blick auf die eigene, subjektive Wahrnehmung: Wie viel Zeit bin ich bereit, in die Erschließung eines Kunstobjektes zu investieren?

Wolf Martens paradoxe Objekte sind Ausdruck eines bewussten Umganges mit der heutigen Schnelllebigkeit – nicht zuletzt der des Kunstbetriebes. Er insistiert auf einem Moment der Entschleunigung, auf das der Betrachter sich einlassen muss, wenn er den multiplen Mix aus Natur- und Industriematerialien zum Sprechen bringen will. Gleichzeitig machen Martens Arbeiten dem Betrachter bewusst, dass er wertvolle Zeit gewinnt, indem er sich ebendiese zur Reflexion nimmt.

Peer Feldhaus